Die Geschichte und Gründung sowohl von Kiewer Rus und damit seinen angenommenen Nachfolgerstaaten lässt sich nicht auf ein einzelnes Datum festlegen, sondern entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte in verschiedenen Phasen:
1. Die Kiewer Rus (9. Jahrhundert – Ursprung)
- Gründung: Die Staatlichkeit beginnt im 9. Jahrhundert mit der Entstehung der Kiewer Rus (um 862 bzw. im 9. Jahrhundert), einem Großreich slawischer Stämme und warägischer (skandinavischer) Händler
- Zentren: Hauptzentren waren Nowgorod im Norden und Kiew im Süden
- Christianisierung: Im Jahr 988 nahm Großfürst Wladimir der Heilige das orthodoxe Christentum an, was das Reich kulturell einheitte. Das Reich zerbrach im 13. Jahrhundert durch den Mongolensturm (Eroberung von Kiew 1240)
Entstehung und Grundlagen
- Gründung: Das Reich entstand im späten 9. Jahrhundert (um 882 n. Chr.), als der skandinavische Waräger-Fürst Oleg den Herrschaftssitz der Rurikiden-Dynastie nach Kiew verlegte
- Völker: Es handelte sich um einen multiethnischen Herrschaftsverband aus ostslawischen Stämmen, skandinavischen Warägern (Wikingern), finno-ugrischen Gruppen und turksprachigen Nomaden
- Geografie: Das Territorium erstreckte sich über Teile der heutigen Staaten Ukraine, Russland und Belarus und lag günstig an der wichtigen Handelsstraße von der Ostsee zum Schwarzen Meer
Kiewer Rus (bedeutet wörtlich Kiewer Reich) war ein mittelalterliches altostslawisches Großreich, welches vom 9. bis zum 13. Jahrhundert in Osteuropa bestand. Die heutigen Staaten Russland, Ukraine und Belarus sehen in der Kiewer Rus ihren Vorläufer.
Blütezeit
- Christianisierung: Unter Fürst Wladimir dem Großen nahm das Reich im Jahr 988 das Christentum (byzantinischen Ritus) an
- Kultur und Recht: Unter Jaroslaw dem Weisen (1019–1054) erreichte das Reich seinen Höhepunkt mit einer ersten gemeinsamen Gesetzessammlung (Prawda Jaroslawa), blühender Baukunst (z. B. Sophienkathedralen) und Bildung
Untergang
- Zersplitterung: Nach inneren Machtkämpfen und dem Zerfall in Teilfürstentümer wurde das Reich durch den Einfall der Mongolen (Mongolensturm 1237–1240) und die Zerstörung Kiews im Jahr 1240 beendet
Historische Bedeutung
Heute sehen die modernen Staaten Russland, die Ukraine und Belarus die Kiewer Rus historisch als ihren gemeinsamen Vorläufer an, was bis heute zu politischen Debatten und unterschiedlichen Erinnerungskulturen führt
2. Großfürstentum Moskau (14. – 15. Jahrhundert)
- Zentralisierung: Nach der Herrschaft der Goldenen Horde stieg das Großfürstentum Moskau als neuer Machtkern auf
- Unabhängigkeit: Großfürst Iwan III. beendete 1480 endgültig die mongolische Oberherrschaft und vereinigte große Teile des russischen Raums (u. a. Nowgorod und Twer)
2a. Das Zarentum Russland (1547)
- Erster Zar: Iwan IV. („der Schreckliche“) ließ sich 1547 als erster Herrscher offiziell zum Zaren krönen. Damit entstand das zentralisierte Zarentum Russland (Rossija)
2b. Russisches Kaiserreich (1721)
- Reformen: Zar Peter der Große rief 1721 das Russische Kaiserreich aus, modernisierte das Land nach westlichem Vorbild und gründete 1703 Sankt Petersburg als neue Hauptstadt
2c. Sowjetunion und die Russische Föderation (1917 / 1991)
- Sowjetunion: Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem Sturz des Zaren gründeten die Bolschewiki am 30. Dezember 1922 die Sowjetunion (UdSSR), in der Russland als Teilrepublik (RSFSR) aufging
2d. Russische Föderation
- Heutiges Russland: Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik am 25. Dezember 1991 in die heute bestehende Russische Föderation umbenannt
Als eine Art Zwischenschritt kann historisch nicht ganz korrekt die Republik Nowgorod angesehen werden, welche im Großfürstentum Moskau aufgegangen ist.
Nowgorod und Kiew waren die Haupzentren des Kiewer Rus, deswegen ist es offensichtlich der Wunsch vieler Russen, neben Nowgorod nun auch Kiew zwangsweise in die Russische Föderation zu integrieren. Dabei wird übersehen, das Kiew und die überwiegende Mehrheit der Bewohner der Ukraine mit der Russischen Föderation nichts zu tun haben wollen.
3. Belarus
3a. Politisches System:
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- Das Land wird seit 1994 von Präsident Alexander Lukaschenko regiert und gilt als die letzte Diktatur Europas. Politische Opposition, freie Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen werden systematisch unterdrückt.
3b. Geografie und Demografie:
- Belarus ist ein osteuropäischer Binnenstaat mit rund 9,2 Millionen Einwohnern. Die Hauptstadt und größte Metropole des Landes ist Minsk. Geografisch ist das Land durch flache Landschaften, dichte Wälder und weite Sumpfgebiete geprägt.
3b. Geopolitische Ausrichtung:
- Belarus ist der engste Verbündete Russlands in Europa. Beide Staaten bilden eine formelle „Union“ und arbeiten wirtschaftlich, politisch sowie militärisch extrem eng zusammen, was sich auch in der Unterstützung russischer Militäroperationen zeigt.
3c. Wirtschaftsstruktur:
- Die Wirtschaft ist stark staatsgelenkt und von Russland abhängig. Wichtige Wirtschaftszweige sind der Maschinenbau, die Chemieindustrie (insbesondere Kalidünger) und die Landwirtschaft. Viele Großbetriebe befinden sich nach wie vor in staatlicher Hand.
4. Ukraine
4a. Geografie und Bevölkerung:
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- Die Ukraine ist flächenmäßig der zweitgrößte Staat Europas (nach dem europäischen Teil Russlands) und grenzt unter anderem an Russland, Belarus, Polen und das Schwarze Meer. Die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Metropole des Landes ist Kiew (Kyjiw).
4b. Souveränität und Transformation:
- Nach dem Zerfall der Sowjetunion erlangte die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit. Seitdem befindet sich das Land in einem tiefgreifenden Transformationsprozess hin zu einer demokratischen Marktgesellschaft und strebt eine enge Integration in die Europäische Union und die NATO an.
4c. Wirtschaft und Ressourcen:
- Das Land besitzt extrem fruchtbare Schwarzerdeböden und gilt traditionell als eine der wichtigsten Kornkammern der Welt für Getreide und Sonnenblumenöl. Zudem verfügt die Ukraine über bedeutende Schwerindustrien, Bergbauvorkommen und einen vor dem Krieg stark wachsenden IT-Sektor.
4d. Aktueller Konflikt:
- Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 und insbesondere seit dem Beginn des großflächigen russischen Angriffskrieges im Februar 2022 befindet sich die Ukraine im Kriegszustand. Das Land verteidigt seine territoriale Integrität und Unabhängigkeit mit massiver internationaler Unterstützung.
4e. UNO
- Nach dem zweiten Weltkrieg war die Ukraine bis heute immer selbstständiges Mitglied der UNO. Die damalige Sowjetunion hatte das damit begründet, dass sowohl die Ukraine als auch Weißrussland eigenständige Mitglieder sein müssten, weil sie souveräne Staaten seien. Damit sollte für die Russische Föderation als legitimer Nachfolgestaat der Sowjetunion aber auch das Narativ wertlos sein, der Ukraine die eigene Staatlichkeit abzusprechen.
Der Streit um das historische Erbe der Kiewer Rus ist kein rein akademischer Diskurs, sondern ein zentrales Element der geopolitischen und ideologischen Rechtfertigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Während beide Staaten ihre historischen Wurzeln in diesem mittelalterlichen Großreich haben, stehen sich zwei unvereinbare Narrative gegenüber.
Direkt-Vergleich der beiden Positionen:
| Kriterium | Russische Perspektive (Kreml-Narrativ) | Ukrainische Perspektive |
| Kern-Narrativ | “Ein dreieiniges russisches Volk“ (Russen, Ukrainer, Belarussen) mit gemeinsamen Wurzeln. | Eigenständige, kontinuierliche Entwicklung der Ukraine als europäische Nation. |
| Rolle Kiews | Die „Mutter aller russischen Städte“ und die Wiege des russischen Imperiums. | Das historische, geografische und politische Zentrum der ukrainischen Genese. |
| Historische Kontinuität | Nach dem Mongolensturm wanderte das Machtzentrum legitim nach Moskau aus. | Das Fürstentum Galizien-Wolhynien und später die Kosaken (Hetmanat) bewahrten die Identität abseits Moskaus. |
| Souveränität der Ukraine | Wird oft als „künstliches Gebilde“ oder westliches Projekt („Anti-Russland“) abgetan. | Eine Jahrtausende alte, eigenständige Kultur, die sich gegen imperiale Unterdrückung behauptet hat. |
Die russische Position: Das imperiale Einheitsnarrativ
Die offizielle russische Geschichtspolitik, maßgeblich formuliert in Wladimir Putins Essay „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“ (2021), basiert auf folgenden Argumenten:
- Vereinnahmung historischer Figuren: Schlüsselfiguren der Kiewer Rus werden für die russische Staatsidentität beansprucht. Beispielsweise ließ Putin 2016 eine monumentale Statue für Wladimir den Großen direkt am Moskauer Kreml errichten, obwohl dieser historisch nie einen Fuß in das damals noch gar nicht existierende Moskau gesetzt hatte
- Religiöse und sprachliche Einheit: Die Taufe der Rus im Jahr im historischen Kontext wird als Geburtsstunde der russischen Orthodoxie und Kultur verstanden. Die sprachliche Ausdifferenzierung und spätere Grenzen werden als Folge polnischer, litauischer oder sowjetischer Willkür dargestellt
Die ukrainische Position: Europäische Integration und Eigenständigkeit
Ukrainische und internationale Historiker (wie Martin Schulze Wessel oder Timothy Snyder) halten dagegen, dass die Kiewer Rus keineswegs der direkte Vorläufer des modernen Russlands war:
- Keine geradlinige Nachfolge: Die Kiewer Rus war ein loser multiethnischer Herrschaftsverband. Nach deren Zerfall entwickelten sich die Regionen völlig unterschiedlich. Während Moskau eine autokratische, asiatisch geprägte Struktur (unter mongolischer Oberherrschaft) entwickelte, blieben die Gebiete der heutigen Ukraine über Jahrhunderte durch die Einflüsse von Polen-Litauen, dem Kosaken-Hetmanat und der Habsburgermonarchie mit Zentraleuropa (Renaissance, Reformation, Magdeburger Recht) verbunden.
- Gezielte Aneignung: Aus ukrainischer Sicht betreibt Russland Geschichtsfälschung, um der Ukraine ihre kulturelle Existenzberechtigung abzusprechen und imperiale Landgewinne zu legitimieren.
Kulturzerstörung als Teil des Konflikts
Dieser Geschichtsstreit hat reale und verheerende Konsequenzen für das kulturelle Erbe: Im Zuge des Krieges werden gezielt ukrainische Archive, Museen und historische Stätten (wie das Kosaken-Erbe in besetzten Gebieten) attackiert, zerstört oder geplündert. Experten werten dies als den Versuch, das eigenständige historische Gedächtnis der ukrainischen Nation systematisch auszulöschen.
Märchen aus Moskau
Das Narativ des einen Volkes mit gemeinsamen Wurzeln kann als sinnstiftende Erzählung ohne wirklichen Hintergrund angesehen werden. Geschichtlich ist zweifelsfrei im 13. Jahrhundert Kiew sowie praktisch das ganze Land durch die Mongolen erobert worden. der heute russische Part mit Nowgorod blieb von den Mongolen unberührt. Wenn überhaupt, dann ist also Moskau eine mehr oder weniger abtrünige Provinz von Kiew. Wenn die heutigen Kriegstreiber in Moskau allerdings hergehen und der Ukraine die eigene Staatlichkeit absprechen, bezeichen sie direkt Stalin als Lügner, der darauf bestanden hat, das die Ukraine seit dem 24. Oktober 1945 ein Gründungsmitglied der Vereinten Nationen (UNO) ist.